Einführung

Diskriminierungsformen

Auch in Clubs gibt es Diskriminierung. Wir wollen Dir dabei helfen, Diskriminierungserfahrungen einzuordnen und haben damit begonnen, einige wichtige Dimensionen zusammenzutragen. Die verschiedenen Dimensionen der Diversität und Diskriminierung überlappen, ergänzen und verweben sich miteinander. Jede Erfahrung ist individuell und wir bieten Dir hier weder eine vollständige Übersicht der Diskriminierungsdimensionen noch eine Checkliste zum Abhaken, aber ein solidarisches Tool, um Dich für eigene und die Erfahrungen anderer zu sensibilisieren.

Klasse / Sozialer Status

Menschen glauben anderen Menschen ihre soziale Herkunft ansehen zu können, das gilt auch im Club, wo vermeintlich andere Codes als in anderen gesellschaftlichen Räumen gelten. Doch soziale Herkunft, oder besser gesagt, ihre Zuschreibung findet nicht nur über Kleidung statt, sondern auch Gestik, Sprache und andere Ausdrucksformen. Dazu kommt, dass soziale Herkunft auch einen Einfluss auf die zur Verfügung stehenden Ressourcen hat. Kann ich mir den Eintritt in den Club leisten? Manche Veranstaltungen bieten deswegen vergünstigte Preise an oder bieten auf Anfrage zutritt auch für Menschen, die sich den Eintritt nicht leisten können. Oft ist das aber leider nicht der Fall – und ein hoher Eintritt für den Club kann vor vorne herein zu Ausschlüssen führen, denen sich Partyveranstalter:innen bewusst sein müssen. Diese Ausschlüsse passieren oft implizit, das heißt, sie sind nicht direkt sichtbar. Soziale Herkunft und Klasse sind mit anderen Dimensionen der Diskriminierung verschränkt und beeinflussen sich gegenseitig.

Ability

Ability oder Befähigung zielt auf die individuellen Möglichkeiten von Einzelpersonen ab. Von Ableismus sprechen wir, wenn Menschen be_hindert oder durch Be_Hinderung strukturell ausgeschlossen werden. Diese Strukturen können durch bestimmte Verhaltensweisen, aber auch die Architektur von Gebäuden entstehen. Ein Club, der Be_Hinderung ins Auge fasst, muss sich bestimmte Fragen stellen: Ist ein Ort barrierefrei und kann mit Rollstuhl besucht werden? Aber es kommen auch andere Dimensionen hinzu, denn nicht alle Be_Hinderungen sind sichtbar. Menschen, die geistig oder emotional bestimmte Bedürfnisse haben, können genauso von Ableismus betroffen sein. Gerade in herausfordernden Situationen wie einem Übergriff im Club, kann Ableismus im Bezug auf die emotionale, psychische oder geistige Verfassung eine Rolle spielen. Für Menschen, die psychische Belastungen erlebt haben, können bestimmte Verhaltensweisen oder Übergriffe destabilisierend sein.

Rassifizierung / Migrantisierung

Die Einordnung einer Person wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Haare, ihres Auftretens oder anderen Merkmalen wird als Rassifizierung (oder auch Migrantisierung) bezeichnet. Geschehen wegen dieser Einordnung Annahmen über Sprachkenntnisse, soziale Herkunft oder soziale Werte oder soziales Verhalten, sind das rassistische Vorurteile. Der Begriff Rassifizierung (und Migrantisierung) soll sichtbar machen, dass Rasse als Kategorie ein soziales Konstrukt ist und durch Zuschreibung hergestellt wird. Rassismus kann verschiedene Formen annehmen: Der abwertende Umgang mit BIPoC-Personen, Antisemitismus oder auch die Abwertung von Romn:ja und Sinti:zze. Dabei ist Rassismus als strukturelles System in die Machtverhältnisse unserer Gesellschaft eingeschrieben. Auch im Club kommt es von daher zu rassistischen Vorfällen. Das gejt entweder von den Partygästen aus, aber auch vom Club-Personal, sei es an der Tür, durch Security oder an der Bar. Rassismus kann im Club auch durch Mikroaggressionen passieren oder durch kulturelle Aneignung von Clubbesuchenden zum Ausdruck kommen (weiße Menschen mit Dreadlocks, exotisierende Dekoration). Wichtig ist, dass rassistische Vorfälle im Club angesprochen und Betroffene sofort unterstützt werden. Dabei gilt: Wer betroffen ist, hat die Expertise über die Situation.

Gender / Geschlecht

Das Geschlecht einer Person aufgrund ihres Auftretens oder der eigenen Wahrnehmung anzunehmen, ist per se ein Trugschluss. Gerade Clubkultur schafft einen Raum außerhalb der sozialen Normen des Alltags, in denen Menschen sich und ihre Geschlechtlichkeit neu verhandeln oder erfahren können. Der Club kann ein Experimentierfeld sein und ein geschützter Raum, denn Geschlecht ist für viele Personen keine fixe Kategorie, sondern ein ständiger Tanz. Diskriminierung aufgrund von Gender kann verschiedene Formen annehmen. Sexismus oder übergriffiges Verhalten gehören genauso dazu wie jemanden zu misgendern, das heißt durch Pronomen ein Geschlecht des Gesprächsgegenübers anzunehmen, das gar nicht vorliegt. Auch Deadnaming, das heißt, den abgelegten Namen einer trans Person zu benutzen, ist eine Form der Diskriminierung, die in der Dimension Gender stattfindet. Wichtig ist hier der offene Dialog und eine sanfte Fehlerkultur. Frag Menschen nach ihren Pronomen, stell dich mit Pronomen vor und wenn mal was schief läuft, korrigier dich einfach ohne viel Aufheben zu machen.

Sexualität

Genau wie Gender kann man Menschen ihre Sexualität nicht ansehen. Jede Annahme über die Sexualität einer anderen Person ist immer nur eine These. Aussagen wie “Du siehst aber gar nicht so queer aus” oder “Ich hätte nie gedacht, dass du schwul bist” reproduzieren ein cis-heteronormatives System. Das heißt, sie stabilisieren die Annahme, dass alle Menschen Mann oder Frau und heterosexuell sind. Das kann sich in expliziter Trans-. Homo- oder Queerfeindlichkeit ausdrücken, die Menschen mit Beleidigungen angreift oder körperlicher Gewalt aussetzt. Gerade Clubs sind als Schutzräume für viele queere Menschen ein wichtiger Rückzugsort – umso sensibler sollte hier der Umgang mit Anfeindungen sein, vor allem wenn an diesen Orten auch Sexualität ausgelebt und verhandelt wird. Was genau eine diskriminierende Aussage oder Handlung ausmacht, ist stark kontextabhängig und wird von den Betroffenen benannt. Eine Aussage wie “War doch nicht so gemeint” ist keine Entschuldigung. Auch hier gilt: Betroffenen zuhören und Täter:innen nicht in den Fokus stellen.

Religionszugehörigkeit

Auch wenn das Tragen von religiösen Symbolen nicht immer zwingend die Zugehörigkeit zu einer bestimmten religiösen Gruppe oder Community zeigt, kann es auch im Club zu übergriffigem oder diskriminierendem Verhalten kommen. Hier spielen Vorurteile gegenüber Religionen eine Rolle, vor allem Religionen, die als “anders” markiert werden, wie beispielsweise dem Islam. Wenn du wegen deines Glaubens (oder auch wegen eines angenommenen, dir zugeschrieben Glaubens) attackiert wirst, kann das oft auch im Zusammenhang mit Rassismus stehen. Neben den sichtbaren Symbolen oder anderen Codes wie Hijab, einer Kippa oder einer Kette mit einem Davidstern, kann es auch in Gesprächskontexten zu Diskriminierung wegen Religion kommen. Das kann sich in Form von sprachlicher oder auch körperlicher Gewalt ausdrücken, die gegenüber Menschen angewendet wird, die alleine wegen ihres Glaubens als Bedrohung wahrgenommen werden. Zwar ist die Überschneidung mit Rassismus wichtig, aber Religion ist eine eigenständige Dimension von Diversität.

Antisemitismus

Jüdische und jüdisch gelesene Personen erleben Antisemitismus – eine Diskriminierungsform, die oft übersehen wird, weil sie kodiert oder subtil daherkommt. Antisemitismus kann abwertend sein, aber auch eine gefährliche Überhöhung. Jüdische Menschen werden oft als ‘allmächtige Strippenzieher:innen’ oder ‘hinter den Kulissen Handelnde’ dargestellt. Diese Zuschreibungen verbinden eine angebliche Überlegenheit mit negativen Vorurteilen und schaffen so eine verzerrte Wahrnehmung, die sowohl ausgrenzend als auch schädlich ist. Antijüdische Praktiken und eine antijüdische Geisteshaltung waren lange Zeit Teil der christlichen Kultur; jüdische Menschen wurden verfolgt, vertrieben und ermordet. Jüdische Personen können sich als BIPoC (also Schwarz, Indigen oder People of Color) oder weiß identifizieren. Ein Großteil der jüdischen Bevölkerung in Deutschland hat einen Migrationshintergrund aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, sodass jüdische Personen häufig mit Mehrfachdiskriminierung aufgrund von Antisemitismus, antislawischem Rassismus, Klassismus und Sexismus konfrontiert sind. In der Clubkultur zeigt sich Antisemitismus durch z.B. die Fetischisierung jüdischer Identitäten oder das Ausgrenzen jüdischer Personen. Sie erleben oft, dass jüdische Symbole unreflektiert genutzt oder sie aufgrund ihrer Identität marginalisiert werden. Zudem kommt es vor, dass unangemessene Fragen oder Kommentare gestellt werden – sei es durch Gäste oder Mitarbeiter:innen. Häufig handelt es sich um Nachfragen zur jüdischen Identität („Bist du wirklich jüdisch?“) oder um antisemitische Vorurteile wie die Annahme, dass jüdische Menschen „reich“ oder „mächtig“ seien. Zudem werden jüdische Personen oft mit dem Staat Israel gleichgesetzt und für dessen Politik in Verantwortung genommen. Es ist wichtig, jüdische Erfahrungen ernst zu nehmen und in der Clubkultur inklusiver und respektvoller mit diesen Themen umzugehen. Es gibt also nicht die eine jüdische Perspektive und Erfahrung, sondern viele verschiedene. Wenn eine jüdische Person über Erfahrungen mit Antisemitismus spricht, sollte ihr deshalb zugehört und die Erfahrung ernst genommen werden.

Antimuslimischer Rassismus

Antimuslimischer Rassismus (AMR) bezeichnet eine Form des Rassismus, die sich gegen muslimische Menschen richtet. Er kann sich außerdem gegen Menschen richten, die z.B. aufgrund ihres Aussehens oder ihres Namens als muslimisch gelesen werden. Obwohl im Clubkontext das Phänomen sehr präsent ist, wird es selten konkret benannt. Die Intersektion mit anderen Diskriminierungsmerkmalen wie antiarabischer Rassismus, Klassismus und Seximus sind häufig. Menschen, die männlich muslimisch gelesen werden, erfahren Diskriminierung häufig in der Zurückweisung an der Clubtür. Ihnen wird z.B. aggressives oder unpassendes Verhalten zugeschrieben. Menschen, die weiblich muslimisch gelesen werden, werden im Clubkontext häufig sexualisiert und exotisiert. Ein weiteres Beispiel für AMR im Clubkontext ist die häufige Annahme, dass Menschen, die muslimisch sind, entweder nicht feiern oder nicht queer sein können. In vielen Clubumfeldern wird Muslim:innen oft ein konservatives, religiöses Bild zugeschrieben, das sie von einer aktiven Teilnahme an clubkulturellen und/oder queeren Szenen ausschließt. Diese stereotype Vorstellung führt dazu, dass queer lebende, feiernde Muslim:innen entweder nicht wahrgenommen oder nicht akzeptiert werden, obwohl sie Teil der Szene sind. Diese Unsichtbarkeit trägt zur Verstärkung von Vorurteilen bei und hindert betroffene Personen daran, ihre Identitäten frei und ohne Diskriminierung zu leben. Nur durch die konkrete Benennung von verschiedenen Formen von AMR und der (An)Erkennung dieser, können wirksame Maßnahmen entwickelt werden, die der Diskriminierung entgegenwirken können.